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Der Ausbruch, der Norddeutschland in Atem hielt

Dr. rer. nat. Burkhard Schütze erinnert sich im Interview an die EHEC-Krise und die intensive Arbeit der Lebensmittelanalytik im LADR Zentrallabor Dr. Kramer & Kollegen in Geesthacht.

Vor 15 Jahren erlebte Deutschland einen der schwersten lebensmittelbedingten Krankheitsausbrüche seiner Geschichte. Ende Mai 2011 erkrankten plötzlich zahlreiche Menschen in Hamburg und Norddeutschland an blutigem Durchfall und dem sogenannten hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS). Diese schwere Komplikation kann zu akutem Nierenversagen führen und lebensbedrohlich sein.

Verursacht wurde die Erkrankung durch Enterohämorrhagische Escherichia coli (EHEC), Bakterien, die über Lebensmittel übertragen werden können. Während die Zahl der Erkrankten täglich stieg und die ersten Todesfälle bekannt wurden, begann eine fieberhafte Suche nach der Infektionsquelle.

Erster Verdacht: Salatgurken

Zunächst deuteten die Hinweise auf pflanzliche Lebensmittel hin. Das Robert Koch-Institut (RKI) und das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) rieten vorsorglich vom Verzehr von Tomaten, Gurken und Blattsalaten ab. Ende Mai meldete das Hamburger Hygieneinstitut den Nachweis von EHEC-Erregern auf spanischen Salatgurken. Die Verunsicherung in der Bevölkerung war enorm. Viele Menschen mieden Gemüse und Salate vollständig.

Die Folgen waren besonders für die Landwirtschaft dramatisch. So berichtete der Wochenend-Anzeiger des Herzogtums Lauenburg am 3. Juni 2011, dass die Behr AG, einer der größten Gemüseproduzenten Deutschlands und Hersteller der Marke „Mecklenburger Ernte“, ihre Produktion nahezu eingestellt hatte.

Doch die spanischen Gurken haben die vielen Infektionen nicht verursacht. Später stellte sich heraus, dass die dort nachgewiesenen EHEC-Bakterien nicht mit den Erregern der Erkrankten übereinstimmten. Die voreilige Veröffentlichung führte zu erheblichen wirtschaftlichen Schäden und schließlich zu einer Schadensersatzklage gegen die Freie und Hansestadt Hamburg. 2017 wurde ein Vergleich mit dem betroffenen spanischen Betrieb geschlossen.

Dr. rer. nat. Burkhard Schütze
Zeitzeugeninterview

EHEC 2011: Der Ausbruch, der Norddeutschland in Atem hielt

Diplom-Biologe Dr. rer. nat. Burkhard Schütze Ehemaliger Abteilungsleiter der LADR Lebensmittelanalytik am LADR Zentrallabor Dr. Kramer & Kollegen und späterer Bereichsleiter von LADR Biofocus
EHEC-Krise 2011 Lebensmittelanalytik LADR Biofocus

Wir haben mit Dr. rer. nat. Burkhard Schütze über diese besondere Zeit gesprochen. Er war damals Abteilungsleiter der LADR Lebensmittelanalytik am LADR Zentrallabor Dr. Kramer & Kollegen und später Bereichsleiter von LADR Biofocus. Im Interview erinnert er sich an die EHEC-Krise 2011, die Norddeutschland und die Lebensmittelanalytik intensiv beschäftigte.

Herr Schütze, wie haben Sie die Zeit damals erlebt?

Burkhard Schütze:

Für uns im Labor war diese Zeit eine außergewöhnliche Herausforderung. Sowohl im medizinisch-mikrobiologischen Bereich als auch im Lebensmittellabor herrschte Ausnahmezustand. Jede eingesandte Stuhlprobe wurde untersucht, gleichzeitig ließen zahlreiche Gemüseerzeuger ihre Produkte auf EHEC testen. Im Lebensmittellabor ging es zeitweise zu wie auf einem Großmarkt. Das LADR Lebensmittellabor befand sich damals zudem in einem Ausweichgebäude in der Geesthachter Innenstadt. Erst wenige Monate zuvor waren wir dort eingezogen, weil das eigentliche Labor auf dem Gelände in der Lauenburger Straße erweitert wurde.

Was bedeutete das für die Abarbeitung der Proben?

Burkhard Schütze:

Die Untersuchungen der Lebensmittelproben erforderten eine logistische Meisterleistung. Die Proben wurden zunächst im Interimslabor vorbereitet und in speziellen Nährlösungen angereichert. Für die anschließenden molekularbiologischen und immunologischen Analysen mussten die Probenextrakte jedoch ins LADR Zentrallabor transportiert werden, da dort die notwendigen Spezialgeräte zur Verfügung standen. Ein eigens organisierter Kurierdienst der Intermed sorgte dafür, dass die Extrakte mit den eventuell gefährlichen Keimen schnellstmöglich und sicher für PCR- und andere Nachweisverfahren zur Verfügung standen. Die Ergebnisse lagen meist bereits am nächsten Tag vor.

Das klingt nach einer herausfordernden Zeit.

Burkhard Schütze:

Ja, für die gesamte Labormannschaft, die damals aus 14 Mitarbeitenden bestand, bedeutete dies wochenlange Arbeit weit über die regulären Arbeitszeiten hinaus. Der Arbeitstag begann häufig vor sechs Uhr morgens und endete erst spät am Abend. Dennoch gelang es, die enorme Zahl an Untersuchungen zuverlässig und termingerecht zu bearbeiten.

Wie viele Proben wurden untersucht und handelte es sich ausschließlich um Gemüse?

Burkhard Schütze:

Wir haben von Juli bis August fast 2.000 Proben untersucht, hauptsächlich Salate und Gemüse. Käse und Fleisch machten damals etwa 10 Prozent der Proben aus.

Waren Sie in dieser Zeit eng im Austausch mit den Herstellern?

Burkhard Schütze:

Ja, das waren wir. Auch regionale Hersteller, darunter einer der damals größten Sprossenproduzenten in Deutschland aus den Hamburger Vierlanden, litten unter den wirtschaftlichen Folgen. Das Unternehmen ließ seine Produkte bereits seit Jahren regelmäßig und sorgfältig in unserem Labor auf krankheitserregende Keime wie EHEC untersuchen. Auffällige Produkte gelangten nicht in den Handel.

Anfang Juli stand die Ursache schließlich nahezu zweifelsfrei fest: Mit EHEC kontaminierte Bockshornkleesamen aus Ägypten, die zur Herstellung von Sprossen verwendet worden waren, hatten den Ausbruch ausgelöst.

Die Bilanz war erschütternd: Fast dreitausend Menschen erkrankten an EHEC, 855 davon entwickelten das lebensgefährliche HUS-Syndrom. Insgesamt starben 53 Menschen an den Folgen der Infektion.

Gab es in der LADR Lebensmittelanalytik während dieser Zeit positive Proben?

Burkhard Schütze:

Während der gesamten Krise konnten wir in den mehr als eineinhalbtausend von uns untersuchten Gemüse- und Salatproben keinen einzigen EHEC-Erreger nachweisen.

Wie hat sich die Lebensmittelüberwachung nach der EHEC-Krise verändert?

Burkhard Schütze:

Die Ereignisse von 2011 haben die Lebensmittelüberwachung tatsächlich nachhaltig verändert. Heute lassen viele Hersteller ihre Produkte im Rahmen der Qualitätssicherung regelmäßig auf EHEC untersuchen. Die Meldeketten und die genaue Keimdifferenzierung pathogener Erreger funktionieren heutzutage sehr gut. Werden entsprechende Erreger nachgewiesen, folgen im Sinne des vorsorgenden Verbraucherschutzes in der Regel sofortige Rückrufe – lange bevor Verbraucherinnen und Verbraucher gefährdet werden können.

Vielen Dank, Herr Dr. Schütze für diesen interessanten Rückblick. 

Der EHEC-Ausbruch von 2011 bleibt damit nicht nur ein Beispiel für die Risiken globaler Lebensmittelketten, sondern auch für die enorme Bedeutung schneller Diagnostik und engagierter Laborarbeit im Verbraucherschutz.

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